In Kirchmöser soll ein Kompetenzzentrum für Schienenfahrzeuge entstehen

BRANDENBURG/HAVEL - Noch ist das Gelände von einer üppigen Vegetation überwuchert. Doch in den kommenden Jahren soll hier, neben der ehemaligen chemischen Versuchsanstalt einer Pulverfabrik aus dem Ersten Weltkrieg, eines der weltweit führenden Forschungszentren für die Bahntechnologie entstehen. „Gerade in wirtschaftlich schwierigen Zeiten war es wichtig, ein Zeichen des Aufbruchs zu setzen“, so der Chef der Deutschen Bahn AG, Rüdiger Grube, der gestern zusammen mit Bahnfirmen und Instituten den Startschuss für das Zentrum gab.
Neun Unternehmen wollen sich bisher an dem Forschungsverbund beteiligen, darunter die Schienenfahrzeughersteller Alstom, Bombardier und Siemens, der Industriegasehersteller Linde AG sowie der Windkraftspezialist Enertrag und der Solarzellenhersteller Solon. Neben dem Zentrum für Luft- und Raumfahrt ist auch die Fachhochschule Brandenburg/Havel Projektpartner.
Die Ingenieure am Zentrum sollen vor allem umweltfreundliche Antriebstechnologien für Schienenfahrzeuge, zum Beispiel Brennstoffzellen, Sonnen- oder sogar Windenergie entwickeln. Am Ende des Projekts stehe „nichts weniger als ein Schienentransport mit null Emissionen“, so Grube. Einstweilen hat er für die Bahn das Ziel ausgerufen, die CO2-Emissionen bis 2020 um 20 Prozent zu reduzieren.
Außenminister und Kanzlerkandidat Frank-Walter Steinmeier (SPD), der seinen Wahlkreis in Kirchmöser hat und der das Projekt mit vorantrieb, betonte, dass er überall auf der Welt die Erfahrung gemacht habe, dass man sich frage, ob Deutschland seinen Technologievorsprung ausbauen werde.
Aussagen über mögliche Investitionen oder Arbeitsplätze wollte Grube nicht machen. Bahn und Bahnindustrie wollten das Projekt mit Eigenkapital ausstatten und sich langfristig engagieren. Der Wirtschaftsdezernent der Stadt Brandenburg, Steffen Scheller, hofft, dass schon bald mindestens 100 Jobs entstehen, die sich in wenigen Jahren verdoppeln könnten.
Grube ließ indes keinen Zweifel daran, dass sich Land und Stadt an den Investitionen für die Infrastruktur beteiligen sollen. „Wir müssen die Politik mit ins Boot oder vielmehr in den Zug nehmen“, sagte er. Nach bisherigen Plänen sollen eine Halle mit Gleisanschluss für zehn Millionen Euro und ein Büro- und Laborgebäude für 15 Millionen Euro gebaut werden.
Grube zeigte sich optimistisch, dass trotz der Konkurrenz zwischen den Bahnunternehmen eine Zusammenarbeit fruchtbar sein könnte. „Das System Schiene ist so komplex, dass eine enge Zusammenarbeit als Wettbewerbsvorteil entscheidend ist.“ Das bestätigte Manfred Lerch von der Bahnfirma Voith aus Heidenheim (Baden-Württemberg), die sich unter anderem mit Komponenten an dem Verbund beteiligen will. „Wenn sich jeder einigelt, werden wir nicht das erreichen, was wir wollen.“
Von dem von Brandenburgs Wirtschaftsminister Ulrich Junghanns (CDU) vom Zaun gebrochenen Streit, wer nun das Projekt nach Kirchmöser geholt hat, wollte Steinmeier nichts wissen. „Wichtig ist, dass etwas entsteht“, so Steinmeier. Die Debatte, wer der Vater der Ansiedlung sei, nannte er „kleinkariert“. (Von Antje Schroeder)
Märkische Allgemeine Zeitung vom 11.08.2009